Macht es noch Sinn im Jahr 2018 für 2G-Module zu entwickeln?

2G ist in manchen Teilen der Welt schon abgeschaltet, auch in Europa wird mit der Abschaltung in naher Zukunft “gedroht”. Man brauche die Frequenzen für LTE. Lohnt es noch für 2G, z.B. für die super günstigen SIM800-Modulen zu entwickeln oder ist das in ein, zwei Jahren eh Elektroschrott?

Arikel von 2016: Ab 2020 droht das Aus für den klassischen Mobilfunk GSM und UMTS : Industrie 4.0: Milliardenfalle Mobilfunk - computerwoche.de

Stand 2017: Mobilfunk: Telekom schaltet "UMTS als Erstes ab" - Golem.de

Ja, macht es. In good ol’ Europa aus gleich mehreren Gründen:

  • In Europa haben wir eine sehr lange GSM (also 2G)-Historie. Dieser legacy-Aspekt allein ist größer und wichtiger, als in anderen Welt-Regionen (und der Schweiz ;) , was für das Beharren auf dieser Technologie und ihrer Infrastruktur entscheidend ist.

  • Die EU hat mit der Verbindlichkeit von eCall (wp) für Neuwagen seit 3/2018 die Verwendung von 2G vielleicht nicht zementiert, so doch aber auf noch geraume Zeit absolut nötig gemacht. Die IETF muß sich sogar damit beschäftigen (siehe RFC8147 und RFC8148), wie eCall jemals migriert werden kann. Da es ab LTE nur noch IP gibt, werden sie einen eigenen MIME-Typ dafür nehmen und das irgendwie an SIP kleben, um Maschinen-Anrufe zur 112 zu ‘signalisieren’… 8(
    Die EU-Kommision mag auch daran ein Interesse haben, aber erstmal ist eCall für GSM ausgerollt. Das heißt, daß es noch fünf oder sieben Jahre dauern wird, bis es realistisch etwas Anderes dafür geben wird.

  • Modem-Hersteller bewerben aktiv ihre aktuellen >2G-Modems nicht nur im M2M-Bereich mit Attributen wie “2G fallback”: 2G ist hier eben ein sehr schnell zu realisierender und zuverlässiger Weg für WWAN-M2M-Kommunikation.

  • die Bahnen nicht nur in D verwenden GSM-R (nicht ganz das gleiche wie GSM; sie haben z.B. push-to-talk), dessen Migration auch eher länger dauern wird. Dort ist auch wieder Infrastruktur involviert, die gewartet und unterhalten werden muß, spezialisierte Arbeitsplätze usw., wissen schon ;) .

Als letztes Beispiel noch: EBV (von Avnet gekauft) bietet seit einem Jahr zusammen mit Orange s.a. (wikipedia) ein vorprovisioniertes 2G-Modem-Modul namens Heracles (Simcom-basiert) an, welches neben der SIM im Gehäuse auch den Vertrag beinhaltet. Es wird also das Modem bestückt, dann kann es mit Stromversorgung losgehen mit der Übertragung, - und das ohne weitere Anmeldung oder roaming in 33 v.a. europäischen Ländern, und sie sichern es für die vier plans (10 MB, 40 MB, 200 MB, 500 MB) bis 2025 zu! - Deren darin manifestiertes Geschäftsmodell für das Produkt ist mir egal, aber es zeigt hier, mit welchen Zeiträumen die telcos auch für 2G noch planen.

(Simcom wurde 2017 von u-blox gekauft, damit bleibt deren 2G-M2M-Geschäft deutlich erhalten.)

2G wird uns also noch eine Weile begleiten, - und zwar länger, als viele Paradigmen der IoT- und cloud-Apologeten überleben werden.


btw, der badge des diesjährigen EMF-Camp kann u.a. feature phone sein, und es hat als Modem - hallo @clemens - ein SIM800 (I think @CRImier is aware of this!;) ) :

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Absolut geiles update zum Thema, wow! Bin immer wieder super positiv überrascht, was du, @weef, alles zusammen trägst oder sogar einfach so im Kopf hast! ;-) Das sind für den Mainstream so “Randthemen” bei denen ich auch mit Google & Co nicht diese Infos finde, die du uns gerade hier so fein auftischt. Danke! Hätte ohne deinen Input 2G für mich nur noch locker weiter verfolgt.

Das ist stark!