Openwashing

Leider ist der golem-Artikel hinter einer Bezahlschranke, aber schon der erste Satz ist es wert ihn zu zitieren. “Openwashing” habe ich auch da das erste Mal gelesen, wie wahr … und traurig, dass es dafür schon einen eigenen Begriff geben muss!

Von Red Hat, CentOS, Rehen und Pinguinen

Es geht um Geld, Macht und Intellectual Property: Mehr und mehr Firmen sehen sich durch Ausschreibungen, den Markt und Investoren genötigt, “Open Source” als Label auf ihre Fahnen zu schreiben – weigern sich aber, die Grundlagen des Modells umzusetzen oder gar zu verstehen.

“Oder gar zu verstehen” ist böse formuliert, aber leider wahr, wie wir auch bei verschiedenen Projekten, von TBH bis HaniMandl gesehen haben.

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Ohne das man weiß, was mit “Openwashing” wirklich gemeint ist, bin ich da eher vorsichtig. Ich selber habe einige Jahre Eclipse Open Source Erfahrung (Eclipse/Californium, Eclipse/tinydtls) und es gibt da immer unterschiedliche Ansichten. Eclipse unterstützt z.B. explizit die kommerzielle Nutzung. Auch die Kombination mit nicht freien Modulen (proprietär) ist möglich. Manche sehen das dann im Gegensatz zu GPL.
Bleibt für mich also eher die Frage, ob man von dem “Angebot” etwas nachhaltiges hat, oder nicht und das nur als Marketingform dient. Gefühlt fliegt das aber eh relativ schnell auf. Ich denke nicht, dass all zu viele sich beschweren können, da viel beigesteuert zu haben, und dann “kalt enteignet” worden zu sein.

Lieber Achim,

ich denke, der Autor Markus Feilner weiß, wovon er spricht und schreibt, wenn er über das angesprochene Thema berichtet.

Viele Grüße,
Andreas.

Wie oben erwähnt, habe ich mehrere Jahre Eclipse Open Source Entwicklungserfahrung. Die meisten davon in “Vollzeit”. Und ich kenne den einen oder anderen z.B. von RedHat persönlich und sehe aus meiner Erfahrung die Vorwürfe als falsch an.

Eine grundsätzliche Schwierigkeit in Open Source ist, dass sich ein Projekt Ziele setzen kann, aber meistens keine “Personalplanung” erfolgen kann. Zumindest nicht für den Teil, der auf freier unentgeltlicher Mitarbeit beruht. Das kann dann verschiedene Blüten treiben. Da kann es passieren, dass Personen, die gute Entwickler sind, nun besser gute Marketing Experten sein sollten um eben solche “freie unentgeltliche Mitarbeit” zu bekommen. Und der Faktor von Personen, die gerne Open Source nutzen wollen, aber gar nicht mitarbeiten, ist sehr groß.

Ich kann mir natürlich beides vorstellen, Firmen, die es nicht wirklich ernst meinen und eher am Umsatz interessiert sind. Aber es kann auch Vorstellungen und Pläne von “freier Zusammenarbeit” in der Projekt-Leitung (hier öffentliche Hand) geben, die schlicht an der Realität vorbei sind. Da sind dann die Entwickler zum Scheitern verurteilt, da es zu viel Arbeit für am Ende zu wenig bezahlte Entwickler ist. Und das Geld, das ja ins Marketing für die “freie und unentgeltliche Mitarbeit” geflossen ist, ist dann auch weg.

Ich kenne den Autor der Artikel nicht, aber wenn er nicht wirklich selber bei den Projekten mitentwickelt hat, bin und bleibe ich skeptisch.

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Lieber Achim,

Exzellent. :+1:

Wunderbar. :+1:

Ich bin mir nicht sicher, ob ich folgen kann. Leider habe ich den Artikel bei Golem noch nicht gelesen.

Es ist schade, wenn Du hier vor allem die Probleme aufzählst, nach dazu welche, die sich scheinbar irgendwie eher um Projektplanung drehen als um Open Source Software. Ich glaube, es könnte ein Mißverständnis vorliegen.

Nun, genau hiermit triffst Du ja den Nagel wieder auf den Kopf: Das ist aber nicht das Problem von Open Source Software, sondern es ist ein Problem mit den Leuten, die das Thema Softwareentwicklung vermutlich eh schon nicht komplett verstanden haben, und nun auch noch Open Source!

image
(xkcd: Dependency)

Summa summarum beschreibst Du auch hier eher allgemeine Probleme aus der Softwareentwicklung. Dass entsprechende Probleme im deutlich zu wenig supporteten Open Source Bereich ungleich größer sind, ist naheliegend.

Ich kann immer noch schlecht folgen: Du benennst im letzten Abschnitt ja nun doch bereits ein paar der Dir bekannten Probleme, so wie der Autor vermutlich entsprechende Probleme aus seiner Perspektive benennt. Inwiefern bist Du also skeptisch, wenn Du ebenfalls Probleme aufzählst – ich verstehe es konzeptionell nicht.

Viele Grüße,
Andreas.

Markus zielt mit seiner Analyse wohl vor allem auf die »Public Money, Public Code« Initiative ab, soweit ich das überblicken kann. Hier gibt es weitere Informationen darüber:

Dass Du den Artikel persönlich nimmst, weil in der Überschrift oder im Text irgendwas über Red Hat steht, und Du dort Leute kennst, scheint offensichtlich. Leider konnte ich das noch nicht nachlesen, wegen der Bezahlschranke, daher kann ich auf diesen Teil noch nicht näher eingehen. Hilf mir gerne weiter, falls Du Dich mißverstanden fühlst.

Ich hatte mir den Link oben “ins Linux Magazin” durchgelesen.
Meine Zusammenfassung: es wird lange geplant, viel versprochen, aber zum Schluss ist nicht viel da. Kann man sicher auch anders zusammenfassen. Mein Kommentar beschreibt dann, dass diese problematische Ergebnis aus meiner Erfahrung verschiedene Ursachen haben kann.

Es ist schade, wenn Du hier vor allem die Probleme aufzählst

Der Artikel schildert meiner Ansicht nach auch die Probleme und suggeriert, dass die Ursache Intransparenz und kommerziellen Interessen einzelner Firmen sind. Das wollte ich eben kommentieren.

Sorry, ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich zu den einzelnen in den Artikeln genannten Projekten weitere Infos hätte.
Ich finde aber den unterschwelligen Vorwurf, “Open Source” scheitert aus kommerziellen Interessen, falsch. Dem möchte ich entgegen setzen, dass es meiner Erfahrung nach auch ganz schön oft am Interesse scheitert.

All right. Hab ich verstanden. Dann haben wir auch etwaige Mißverständnisse geklärt: Probleme gibt es überall, sowohl die bekannten, als auch neue.

Dass nun clueless people und große Corporations seit ein paar Jahren auch FUD über die GPL verbreiten, Microsoft von früher nachplappernd, nachdem sie selbst schon längst damit aufgehört haben, schlägt dem Fass den Boden aus. Dass andere Open Source Software Unternehmen (vor allem Datenbankhersteller) von Amazon ausgebeutet werden und entsprechend reagieren müssen, auch.

Dass daraus direkt und indirekt eine halbscharige Abkehr von Open Source Software stattfindet, und – genau wie der Autor es benennt – folgendes gerade massivst stattfindet…

Investoren und Angst vor Machtverlust Firmen zu Openwashing, Open Core und Commercial Open Source treiben.

… ist sehr sehr schade und sehr hinderlich für weitere Innovationen, und ich erlebe entsprechende Tendenzen ständig. Sei froh, wenn Du mit/für/bei Red Hat und IBM arbeiten kannst. Die verkaufen Moodle erfolgreich an Deutsche Behörden – da scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.

Wonderful. Damit schließt sich auch hier der Kreis der Ergründung, dass wir, inklusive Dir, scheinbar alle der gleichen Meinung sind, dass Soft- und Hardwareentwicklung schwierig sind.

Markus schrieb:

Du schriebst:

Beide Statements klingen für mich sehr ähnlich, oder laufen auf Ähnliches hinaus.

In vielen Firmen arbeiten Menschen, die nicht das geringste Interesse an den jeweils hergestellten Produkten haben. Das war früher im Softwarebau noch anders, ist aber schon längst Schnee von gestern. Ich finde es auch sehr schade, es ist aber wohl leider “normal”.

Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass andere Instinkte übernehmen, wenn es um die Beurteilung von Software geht: Zum Beispiel Gier, weil damit noch eine Stange Geld zu verdienen ist. Das steht natürlich Aufklärungsversuchen, dass “free software” nicht “free as in beer” bedeutet, leider komplett entgegen.

So unterschwellig fand ich hier garnix, der Artikel ist eigentlich recht direkt im Thema um was es geht, benennt es klar und scharf in der Unterüberschrift [1] und scheint exzellent die Entwicklungen der letzten Jahre aufzuzeigen, die mich auch aus eigener Erfahrung sehr betrüben. Von einem Exklusivanspruch für eine Erklärung kann ich bislang nix entdecken.


  1. Die Überschrift »Von Red Hat, CentOS, Rehen und Pinguinen« ist dafür natürlich maximal schwammig, und vermutlich als lustiges Clickbait gemeint. ↩︎

Ich befürchte, dass meine Formulierung “Interesse” zu kurz ist. Ich meine Interesse an der Mitarbeit. Das hatte ich in meine Kommentar davor etwa mehr ausgeführt.

Meine Erfahrung ist, dass die Befürworter versuchen, für den Open Source Ansatz Werbung zu machen und dabei natürlich die “freien und unentgeltlichen Beiträge” einen Platz einnehmen. Das ist an sich natürlich OK.

Leider kann das aber dann “implodieren”, wenn das Interesse solchen Beiträge zu erbringen gering ist. Auch bei Projekten mit “öffentlichen Fördergelder” kann es passieren, dass das Geld aufgebraucht ist ohne das das Projekt auf dem “richtigen Weg” ist. Aber wie oben erwähnt, ich habe keine konkreten Infos über die Sachverhalte in den jeweiligen Projekten, kenne aber das Thema aus meinem (ehemaligen) Umfeld.

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Das trifft den Punkt, um den es geht, deutlich besser: Mit dem Label “Open Source” wird in der nicht-FOSS-Industrie – und dazu zähle ich auch Softwareentwicklungsvorhaben im öffentlichen Bereich – immer mehr versucht, alles mögliche an Werbung zu machen, weil es mittlerweile zum Zugpferd geworden und positiv konnotiert ist, im Gegensatz zu “früher”, als Microsoft noch regelmäßiges Linux Bashing zum Frühstück… Dafür ein dreifaches Halleluja.

Da Open Source Software mittlerweile überall ist, kommt niemand mehr drum rum. Leider kommen die verantwortlichen Projektplaner “irgendwas mit Software” ihrer Verantwortung oft nicht ausreichend nach und planen mit dem “Open Source” Ausleger oftmals noch schlampiger als vorher, mit Überlegungen wie “die Community wird es schon richten”.

Solche Projekte, falls darauf ausgelegt, scheitern nicht nur sehr wahrscheinlich, sondern sogar ziemlich sicher. Es ist auch nicht unbedingt immer böser Wille oder böser Kommerz, sondern teilweise wohl einfach Naivität und Unwissenheit darüber, dass es die Menschen sind, die die Förderungen brauchen, und nicht die Projekte, und dass es langen Atem braucht, um auch nur irgendetwas ingenieursmäßig zu fertigen und hinterher zu warten. Da wird bei den Planungen meist viel vergessen oder nicht ausreichend berücksichtigt.

Aber hach – 80% aller IT Projekte scheitern, wurde einmal festgestellt – welcher Grund nun welchen Anteil daran trägt, das haben bestimmt schon andere erforscht. Die Anteile an Openwashing und GPL FUD jedenfalls steigen auch in meinem Umfeld spürbar an, und ich denke ebenfalls, dass daran noch einiges kaputtgehen wird.

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Auf diesen Punkt wollte ich noch einmal gesondert eingehen, überhaupt gar nicht an Dich adressiert, sondern weil er eine hervorragende Steilvorlage bot.

Ich finde, dass es genau aus diesem Grund so immens wichtig ist, Softwareprojekte von vornherein bereits unter einer freien Lizenz anzulegen und zu veröffentlichen bzw. “in the open” zu entwickeln, im Sinne von “release early, release often”.

Auf diesem Weg werden die Erfolgschancen für ein Softwareprojekt automatisch maximal, da die Entwicklung grundsätzlich von viel mehr Menschen weitergeführt werden kann, selbst wenn den ursprünglichen Autoren die Luft ausgegangen ist.

Was mich bei der ganzen Geschichte immer ärgert ist, dass Projekte häufig großartig mit “open source” betitelt werden und behauptet wird, “klar ‘machen’ wir open source” – auch weil (öffentliche) Geldgeber das zurecht (!) fordern. Der code schafft es am Ende dann aber doch nicht halbwegs dokumentiert und gut sichtbar in die Öffentlichkeit. Entweder wird vertröstet, dass es “noch nicht fertig” ist oder verschwindet kaum auffindbar auf einem verstaubten Server.

Das betrifft imo aber nicht nur öffentliche Projekte, auch einige private Projekte bedienen sich großzügig an open source-Bibliotheken, open source-Software (von IDEs bis zum FTP-client), Infrastruktur usw., meinen dann aber ihre Projekte doch closed halten zu müssen … but – wie @Andreas immer sagt – we all standing on the shoulders of giants! Das zu respektieren und der Gemeinschaft zurückzugeben fällt auch einigen schwer!

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der volltext des artikels ist ein paar tage lang hier nachlesbar. ein papierausdruck ist drüberhinaus an der benutzertheke der bibliothek der rls (direkt am ostbahnhof, berlin, brd) einzusehen.

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